Leseprobe aus
"Der Erde nah - dem Himmel entgegen"
Einleitung
Wo kämen wir hin,
wenn alle nur fragten,
"Wo kämen wir hin"
und keiner ginge mehr,
um einmal zu schauen,
wohin wir kämen, wenn wir gingen.
Kurt Marti
Das Gebirge ist wie jeder Raum, den wir betreten, durch eine Atmosphäre geprägt. Wir wissen bald nach dem Eintritt, ob wir darin bleiben und etwas erfahren wollen oder lieber nicht. Es gibt Räume, deren Atmosphäre in besonderer Weise zur Suche nach Gott einlädt. Oft sind sie still, entlegen und der Zeit enthoben. So haben wir auf unseren Wegen die alpine Landschaft erfahren.
Wie große Meere und weite Wüsten gehören Berge nach der klassischen Typologie zu den Landschaften, die im Betrachter den Eindruck der Erhabenheit hervorrufen. Es fehlt ihnen die sanfte Schönheit lieblicher Mittelgebirgs- und verspielter Flusslandschaften. Hohe Gebirge sind anders schön: ernster, schwerer und unergründlicher. Sie sind einsam und in eindeutiger Weise für uns Menschen unverfügbar. Die Zeit vergeht hier nicht wie in den sich andauernd verändernden Lebensräumen, die wir bewohnen. Mit zunehmender Höhe verewigt sich die Landschaft. Von Meeren und Wüsten unterscheidet sich das Gebirge dadurch, dass seine Wege in die Tiefe und Höhe führen. Sie gehen über Pässe, auf Gipfel, in Schluchten, durch Täler und unterschiedliche Vegetations- und Klimastufen. Stärker als in anderen Landschaften bestimmen Übergänge das Unterwegssein im Hochgebirge. Wege verlaufen hier nie gerade. Sie winden sich zu ihren Zielen und führen an und über Grenzen in andere Bereiche, die zuvor nicht einsehbar waren. In diesem Raum haben wir nach Steigen und Pfaden gesucht, über die seit langer Zeit die Wege der Gottessuche vieler Menschen führen. So entstand dieses Buch.
Menschen können sich verändern, wenn sie durchs Gebirge gehen. Sie werden dann stiller, weicher, schauen und staunen mehr als sonst über die Tiefe des Seins und Weite des Lebens. Das sind Erfahrungen, die Wege der spirituellen Suche begleiten. Es ist deshalb sicher kein Zufall, dass sich gerade in der alpinen Landschaft eine sehr ausgeprägte Pilgertradition entwickelt hat.
Pilgern
Bei einer Pilgerreise war der Weg schon immer mindestens ebenso bedeutsam wie dessen Ziel. Viele Mönche pilgerten, ohne zu einem bestimmten Wallfahrtsziel gelangen zu wollen. Diese Betonung des Unterwegsseins gegenüber dem Ankommen, entspricht der Weise, wie wir die Wege dieses Buches begangen haben.
Die Grundbewegung des Pilgerns ist das Gehen. Mit Bus oder Auto in die unmittelbare Nähe von Heiligen Orten zu gelangen, ist nur eine Lösung, falls es anders nicht möglich ist. Es gibt keine wirklichen Naturerfahrungen durch Autofenster hindurch.
Gehen ist die asketischste und einfachste Form der menschlichen Bewegung. Wer den Ort, an dem er gerade ist, verlassen will, geht los und nimmt das mit, was er unterwegs braucht. Leicht sollte das Gepäck sein, auch an Vorstellungen, von dem, was sich auf dem Pilgerweg ereignen wird. Ob der Weg in den Tagen des Pilgerns als heilsam oder erschöpfend, entleerend oder erfüllend erfahren wird, bleibt offen. Und ebenso ungewiss ist es, wie der Pilger unterwegs Gottes Begleitung und Beistand erlebt. Eine spirituelle Erfahrung kann nicht vorherbestimmt, willkürlich initiiert oder gar erwartet werden - sie widerfährt uns. Das Johannesevangelium überliefert diese Bedingung jeder Gottessuche in dem bekannten, großen Bildwort über das Wirken des Geistes Gottes im nächtlichen Gespräch zwischen Jesus und dem ratsuchenden Nikodemus:
"Der Wind weht, wo er will,; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht" (Joh 3, 8).
Pilgern braucht Zeit und Wege, auf denen das Unterwegsein an sich erlebt werden kann. Es gleicht darin der Bewegungsform, die früher mit dem Begriff "Wandeln" beschrieben worden ist - eine betont ruhige, anmutige Form des Gehens, auf die sprachlich auch die "Verwandlung" bezogen ist. Langes Gehen wird irgendwann zeit- und endlos, auch wenn der Weg ein Ziel hat. Wegziele verändern sich unterwegs. Erst auf dem Weg wissen wir manchmal, wozu und wohin wir ihm folgen. Sich darauf einzulassen ist Pilgern.
Die Auswahl der Wege und Orte
Viele Pilgerziele haben eine lange Geschichte, die teilweise in die vorchristliche Zeit zurückreicht. Alpine Orte, zu denen sich eine Pilgertradition entwickelt hat, weisen oft bestimmte landschaftliche Merkmale auf. Pilgerwege im hochalpinen Bereich führen häufig zu Übergängen, auf Gipfel oder an andere exponierte Plätze. In den Tal nahen Regionen sind es dagegen gerade Orte, die eher im Verborgenen liegen, an einem Bach oder einer Quelle, geschützt durch die umgebenden Berge und deren Wälder. Jeder Ort hat seine Entstehungslegende. Oft erzählt sie die wundersame Auffindung der Stelle, an der dann eine Kapelle oder Kirche errichtet worden ist.
Die Sammlung dieses Buches umfasst 12 Pilgerwege. Die Ziele unserer Wege liegen in den Alpen. Wir stellen also kein alpines Teilstück des Pilgerweges nach Santiago vor. Das Spektrum reicht von den Karnischen Alpen bis ins Piemont. Selbstverständlich können wir für die vorliegende Auswahl nicht irgendeinen Superlativ in Anspruch nehmen und die Wege als die "schönsten", "ältesten" oder "verborgendsten" der Alpen bezeichnen. Aber alle führen Sie durch Landschaften und zu Orten, die Sie die spirituelle Tiefe der alpinen Pilgertradition erleben lassen.
Mit dem Buch unterwegs
Landschaftliche Eindrücke, spirituelle Impulse und Wegbeschreibung fließen in dem Text ineinander, den wir zu jedem der Wege verfasst haben. Eine Trennung dieser Aspekte des pilgernden Unterwegseins erschien uns nicht sinnvoll, da die Bilder und Gedanken auf dem Weg auch nicht thematisch streng gegliedert in unserem Bewusstein auftauchen.
Jedem Weg haben wir ein Thema zugeteilt, das ihn nach unserer Erfahrung charakterisiert oder sich uns im unmittelbaren Erleben aufgedrängt hat. Es sind existentielle Fragen, die sich an prägnanten Wegpunkten gestellt haben, aber auch fundamentale Themen des christlichen Glaubens, die der Weg uns aufgegeben hat. Vielleicht passt es für Sie, mit den von uns angebotenen Gedanken zu gehen; vielleicht folgen Sie auch ganz anderen Spuren.
Am Ende jedes Kapitels finden Sie alle wichtigen Angaben zum Weg zusammen mit einem Kartenausschnitt im Überblick. Hier weisen wir auch auf sinnvolle Wegvarianten hin. Bitte denken Sie daran, dass einige der ausgewählten Wege durch hochalpines Gelände führen und entsprechende Trittsicherheit und Vorsicht erfordern. Nähere Angaben dazu finden Sie für jede Tour unter dem Punkt "Charakteristik und Schwierigkeit" in der Übersicht.





